Jane Austen auf DeutschBegegnung mit Übersetzerin Andrea Ott
It is a truth universally acknowledged that a single author in possession of a good book, must be in want of a superb translator
Das Leistungsfach Englisch der Q12 und Q13 erlebte im Rahmen der diesjährigen „Woche der Poesie“ einen besonderen literarischen Höhepunkt: Frau Andrea Ott, renommierte Übersetzerin gleich mehrerer Jane-Austen-Romane, war zu Gast am Gymnasium Seligenthal.
Stellvertretender Schulleiter Christoph Babinger erzählte bei der Begrüßung, wie man eher zufällig durch einen Artikel in der Landshuter Zeitung darauf aufmerksam wurde, dass eine international anerkannte Übersetzerin mitten in Landshut lebt. Anlass ihres Besuchs war die Veröffentlichung eines besonderen Werkes: die von ihr übersetzten gesammelten Briefe Jane Austens, die anlässlich des 250. Geburtstags der Autorin erstmals vollständig auf Deutsch im Manesse Verlag erschienen sind.
Im ersten Teil ihres Vortrags zeichnete Frau Ott ein lebendiges Porträt der großen englischen Schriftstellerin. Sie machte deutlich, wie Jane Austen durch ihren feinen Realismus und ihre beißende Ironie eine völlig neue Form des Schreibens begründete – indem sie das Alltägliche literarisch ernst nahm und mit scharfem Blick die Gesellschaft ihrer Zeit sezierte. Sogar Virginia Woolf, so Ott, konnte darüber nur ins Schwärmen geraten und verglich Austens präzise Beschreibungen mit „Peitschenhieben“.
Im zweiten Teil stand das Handwerk des Übersetzens im Mittelpunkt. Ausführlich und mit Humor beantwortete Frau Ott die vielen Fragen der Schülerinnen und Schüler: über den Weg von der Rohübersetzung bis zum fertigen Buch, über die Zusammenarbeit mit Verlagen, über sprachliche Fallstricke, Bezahlung, Lieblingsautoren – und auch über die Frage, welchen Einfluss Künstliche Intelligenz künftig auf ihren Beruf haben könnte. In all diesen Themen bot sie spannende wie unterhaltsame Einblicke, die deutlich machten, dass Übersetzen weit mehr ist als das Übertragen von Worten – es ist ein kreativer, interpretativer Akt. Fesselnd ist auch Frau Otts eigener Lebensweg: Erst mit 36 Jahren wagte sie den Schritt in die Welt der Literaturübersetzung, nahezu autodidaktisch. Ihr erstes Projekt – der Versuch, einen unveröffentlichten Roman eigenständig zu übertragen – führte schließlich zur Zusammenarbeit mit einem Verlag und zu einer beeindruckenden Karriere.
Zum Abschluss durften die Schülerinnen und Schüler selbst aktiv werden: In kleinen Gruppen schlüpften sie in die Rolle von Übersetzern und befassten sich mit einer kurzen Passage aus dem Roman Pride and Prejudice – und darin versteckte sich ein Satz, dessen verschiedene Deutungen den Charakter von Elizabeth Bennet in ganz unterschiedlichem Licht erscheinen lassen. Ein anspruchsvoller und zugleich inspirierender Abschluss eines Vormittags, der Literatur zum Leben erweckte und die Woche der Poesie unter der Leitung von Frau Keller um ein echtes Highlight bereicherte.
Michael Menauer