„Ich wollte Bücher schreiben, in denen sich auch meine Freunde und ich wiederfinden konnten.“Der britische Autor Alex Wheatle liest aus seiner erfolgreichen Crongton Serie

Mitte Juli durften die 9., 10. und 11. Klassen des Gymnasiums Seligenthal den bekannten britischen Jugendbuchautor Alex Wheatle kennenlernen. Der sympathische Gast, der via Teams aus England zugeschaltet war, sprach über seine Arbeit als Autor und seine Meinung zu aktuellen politischen Ereignissen. Er las zudem auch mit viel Engagement Auszüge aus seinen erfolgreichsten Werken Liccle Bit und Homegirl, und erlaubte den Zuhörer:innen einen Blick in seine Welt, die wohl für viele der Jugendlichen ziemlich neuartig war.

Wenn Alex Wheatle über sein Leben spricht, dann teilt er es in zwei Teile auf. Die Zeit vor und nach seinem Gefängnisaufenthalt im Jahr 1981. Er wächst in britischen Kinderheimen auf und macht dort traumatische Erfahrungen. Seine Teenager-Jahre verbringt Wheatle danach in Brixton, ohne echte Rollenvorbilder und auf der Suche nach seiner eigenen Identität. Dort wird er 1981 auch für seine Teilnahme in den sogenannten „Brixton-Riots“ verhaftet. „Das war ein Wendepunkt in meinem Leben.“ so der Autor, „Im Gefängnis traf ich meinen Mentor, der mir gezeigt hat, wie wichtig Bücher und Bildung sind und der erste Mensch war, der an mich glaubte und meine Stärken sah.“
Besonders gerne erzählt der Künstler daher auch von seiner Liebe zum Lesen. Heimlich mit der Lampe unter der Bettdecke lesend war Literatur schon in seiner Kindheit eine Art Zufluchtsort. Was ihm aber fehlte, als er durch die Buchläden streifte, waren Geschichten, die auch seine Freunde lesen würden oder Charaktere, mit denen er sich identifizieren konnte. Das war seine Motivation, mit dem Schreiben zu beginnen und lässt ihn bis heute nicht los. „Ich schreibe jeden Tag, auch wenn es nur eine halbe Stunde ist. Oft sind es auch vier oder fünf Stunden, das kommt immer auf meine Tagesform an und wie die Ideen sprudeln.“
Der Schauplatz in Wheatles Büchern heißt Crongton und während dieser Stadtteil zwar nur in den Romanen des 58-jährigen existiert, könnte er „gut und gerne ein Stadtteil Londons, Manchesters oder Birminghams sein. Eigentlich könnte Crongton überall in der Welt liegen, wo Menschen abgehängt und in Armut leben.“ In Crongton gehen Wheatles Charaktere ganz normal zur Schule, meistern die Herausforderungen der Pubertät und behaupten sich auf dem Sportplatz. Aber das passiert eben oft unter dem bleiernen Mantel von Geldnot, zerbrochenen Familien und einem Gang-Krieg, der mehrere Opfer fordert und die Hauptfiguren immer wieder in Gefahr bringt. Dass diese Jugendlichen dennoch nie den Mut verlieren und in ihren Abenteuern vor Wortwitz nur so sprühen, ist eine der großen Errungenschaften des Jugendbuchautors mit der außergewöhnlichen Biographie.
Unterstützt wurde Alex Wheatle bei seinem Vortrag von dem Schauspieler Jakob Immervoll (Münchner Volkstheater), der die deutschen Übersetzungen des Briten eindrucksvoll zum Leben erweckte. Claudia Söffner vom Münchner White Ravens Literatur-Festival, mit dem das Gymnasium Seligenthal und die Landshuter Stadtbücherei bei der Organisation der Lesung zusammenarbeitete, moderierte die Veranstaltung gekonnt und mit Fingerspitzengefühl.
Die Seligenthaler:innen hatten im Vorfeld bereits viele gute Fragen eingereicht und hakten während der Lesung auch spontan nach. So entwickelte sich ein spannendes Gespräch, das Alex aus seiner 1000 Kilometer entfernten Küche direkt in unsere Mitte brachte.
 
Michael Menauer
Bild: Alex Wheatle (Leinwand) mit Jakob Immervoll (links) und Claudia Söffner (rechts)