Geistlicher Schuljahresabschlussimpuls 2021Wer es mit Gott zu tun bekommt... der hat einen Freund bekommen - wie Johannes

Liebe Schülerinnen und Schüler,

nicht weit von Riedlingen im Oberschwaben, etwa 70 km nördlich vom Bodensee, liegt Heiligkreuztal, ein ehemaliges Zisterzienserinnenkloster. In der Klosterkirche befindet sich ein außergewöhnliches Schnitzwerk aus dem Jahre 1320, die sog. Johannesminne. Ein unbekannter Künstler hat es angefertigt. Das mittelhochdeutsche Wort Minne entspricht unserem heutigen Wort Liebe, aber damals zunächst noch in der Bedeutung von „jemanden Zuwendung schenken, an jemanden freundlich denken“. Vermutlich werdet ihr es Euch schon gedacht haben, wer diese beiden abgebildeten Personen sind, die freundschaftlich einander zugewandt sind. Wie das Wort Johannesminne es ja schon andeutet, wird der rechte junge Mann im Bild der Apostel Johannes sein, während der aufrecht sitzende unser Herr Jesus Christus sein muss. Was macht aber diese mittelalterliche Darstellung so außergewöhnlich und bedeutsam? Ich glaube, dass es dazu eigentlich nicht vieler Worte bedarf. Wahre Minne braucht wenig Worte. Die Johannesminne spricht ganz aus sich selbst: Sie spricht von Vertrauen, von Ruhe und Geborgenheit, ja letztlich von einer innigen Freundschaft, die noch tiefer reicht als menschliche Nähe. Eine Freundschaft, die mich mir näherbringt und mich zu meiner eigenen Mitte führt. Johannes lebt ganz aus dieser innigen Freundschaft. Er hat in Jesus einen solchen Freund, einen Freund des Lebens gefunden. Bei ihm, in seiner Nähe zu sein, das zeigt die Holzplastik, tut sichtlich gut. Davon spricht auch die geneigte Haltung. So sehr ist er Jesus, seinem Herrn und Freund zugeneigt, dass er ganz und gar an seinem Herzen ruht. Und wer am Herzen Gottes ruht, dessen Züge werden entspannt und gelöst, wie bei Johannes. Unruhe, Sorgen und Ängste kommen zum Stillstand. Alles Schwere des Lebens löst sich, löst sich auf in Gottes Gegenwart.

Liebe Schülerinnen und Schüler, heute am letzten Schultag dürfen auch wir von der Schwere des Schuljahres loslassen. Es war ohnehin wieder ein ungewisses und herausforderndes Jahr, in der wir einige Monate hindurch die Schwere des Daseins erleben mussten: Abgeschottet von Freunden und Bekannten, von der vertrauten Nähe vieler lieber Menschen, von wohltuender Berührung und Umarmung. Wie auch immer die vor uns liegende Zeit (in Ferien und darüber hinaus) sein wird – wir dürfen ganz sicher sein: Es gibt einen, bei dem wir Halt finden können. Einen, der sprichwörtlich die Hand nach uns ausstreckt und uns halten will. Genau das kommt in der Johannesminne gut zum Ausdruck: Johannes legt seine Hand in die Hand Jesu. So bleibt er in stürmischen Zeiten von ihm gehalten. Es ist kein fester Zugriff, wie man sieht, es ist die lockere Hand eines Freundes, der sich einfach schenkt, ein innigster Ausdruck von Freundschaft, die Halt gibt, aber nicht einengt und erdrückt. Sachte liegt die andere Hand Jesu auf der Schulter seines Jüngers. Es ist eine verstehende und Geborgenheit schenkende Geste. Sinnbild von tiefer Zusammengehörigkeit und Freundschaft. Vielleicht ist es das, was der Künstler hier zum Ausdruck bringen wollte: Bei Gott bin ich angenommen und verstanden, auch ohne Worte. Echte Freunde verstehen sich auch ohne große Worte. Wer es mit Gott zu tun bekommt, der hat einen Freund gefunden, lautet unser letzter Impuls. Von Herzen wünschen wir Euch, liebe Schülerinnen und Schüler, Liebes Kollegenteam, eine gesegnete und gesunde Ferienzeit. Mögen sich darin auch viele Augenblicke finden, um innezuhalten und auszuruhen in der Gegenwart Jesu – ähnlich, wie die Johannesminne es zeigt.

Muss es nicht etwas Unerhörtes und zugleich Beglückendes sein, Gott zum Freund zu haben?