50 Jahre Sozialwissenschaftliches Gymnasium – ein Zweig feiert Geburtstag

Bekanntmachung des Bayer. Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 27.Juli 1965 über die Errichtung des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums für Mädchen
Kochen in den 60er Jahren
Auch der perfekte Gugelhupf (abgeleitet von der Gugel „Kapuze“) war unterrichtsrelevant.
Hauswirtschaftsunterricht in der Schulküche
Artikel von Ministerialrätin Dr. Senninger vom 24.05.1965 (Deutsche Tagespost) über das Sozialwissenschaftliche Gymnasium für Mädchen
Die erste Stundentafel beinhaltet bereits Praktikas in Klasse 7 und 8
In Vielfalt geeint – Projekttag zum Europatag
Standpunkte bilden und darlegen sind Bestandteil der Rollenspiele für einen perfekten Verhandlungsverlauf

Als vor 50 Jahren vom Kultusministerium auf Anregung des „Arbeitskreises der Direktorate der bayerischen Höheren Schulen für Mädchen“ unter Federführung der Ministerialrätin Dr. Kunigunde Senninger der Sozialwissenschaftliche Zweig aus der Taufe gehoben wurde, ahnte niemand, welch großer Erfolg diesem Konzept beschieden sein würde.

Zunächst ging es nämlich darum, im Rahmen einer großen Bildungskampagne mehr Mädchen zu motivieren, das Gymnasium zu besuchen und Abitur zu machen. Denn zu Beginn der sechziger Jahre zeichnete sich immer mehr ab, dass durch den wirtschaftlichen Aufschwung der Bundesrepublik und den Rückgang klösterlicher Arbeitskräfte in Lehr- und Sozialberufen zunehmend hoch qualifizierte Arbeitskräfte fehlen würden.

Ausgehend vom Art. 131, Absatz 4 der Bayerischen Verfassung  („Die Mädchen sind in Säuglingspflege, Kindererziehung und Hauswirtschaft besonders zu unterweisen“) kreierte man neben dem bereits bestehenden humanistischen und naturwissenschaftlichen Zweig ein neues Schulprofil, das einsetzend mit der damaligen 9. Jahrgangsstufe die musisch-künstlerischen Fächer stärkte und Sozialkunde und Sozialpflegerische Übung als Kernfächer anstelle einer dritten Fremdsprache setzte. Mit Lerninhalten zu Hauswirtschaft und Säuglingspflege, Gesellschaftskunde und Erziehungslehre, Psychologie und politischer Bildung versprach man sich zudem eine bessere Vorbereitung der Frau auf die Doppelrolle der berufstätigen Mutter – ein sehr moderner Ansatz, der durch ein für Gymnasien vollkommen unübliches mehrwöchiges Praktikum ergänzt wurde.  Auch  die Naturwissenschaften Biologie und Chemie erfuhren als Grundlage für Nahrungsmittellehre und Entwicklungspsychologie eine Aufwertung.

Das Gymnasium Seligenthal unter Leitung von Sr. Lioba war unter den ersten 26 bayerischen Gymnasien, die diesen Zweig im Herbst 1965 einführten.

Von Anfang an bewies der rege Zuspruch die Zukunftsträchtigkeit dieser Konzeption. Mit der Sprachenfolge Englisch / Latein oder Englisch / Französisch avancierte der Sozialwissenschaftliche Zweig in Seligenthal bald zur Nummer 1 in der Wahl der Schülerinnen.

Die Anfangsschwierigkeiten – die fehlende moderne Schulküche, fehlende Bücher und das Fehlen von Lehrkräften mit der speziellen Fakultas Sozialkunde – überwand man mit viel Kreativität und Tatkraft.

Nicht ganz so leicht konnte man allerdings die Bedenken vieler Eltern ob der Gleichwertigkeit dieses „Knödelabiturs“ zerstreuen. Hier brachte die Einführung der Kollegstufe, für die Seligenthal schon 1970 als Versuchsschule fungierte, eine erhebliche Aufwertung und Verwissenschaftlichung. Gerade der Leistungskurs in Sozialkunde, der nur für Absolventinnen dieses Zweigs möglich war, erfüllte durch die vertiefte Vermittlung von politischer Bildung alle Kriterien gymnasialer Bildung und bereitete die Schülerinnen dieses Zweigs weit besser auf ihre spätere Rolle als mündige Bürger vor als jeder andere Zweig.

Wie attraktiv dieses Fächerangebot bayernweit geworden war, zeigte die ständig zunehmende Zahl Sozialwissenschaftlicher Gymnasien und die Klage einer Mutter gegen den Freistaat Bayern, die dazu führte, dass ab 1986 auch den Buben der Zugang zu diesem Zweig ermöglicht wurde.

Natürlich hatte die Öffnung für Buben auch Auswirkungen auf die spezifischen Lerninhalte und Methoden, wollte man doch auch den Interessen der Buben verstärkt Rechnung tragen. Die Schwerpunkte lagen nun auf der Erziehung zu sozialer und staatsbürgerlicher Verantwortung durch eine Stärkung der politischen Bildung, der Werteorientierung, des sozialen Lernens und des Erwerbs von Alltagskompetenzen.

Die Ausweitung des Artikels 131, Absatz 4 explizit auch auf Jungen im Jahr 1998 brachte auch die Anpassung der verfassungsrechtlichen Grundlage für diesen Zweig.

Da dieser Zweig durch seinen Aktualitätsbezug wie kein anderer seismographisch auf alle gesellschaftlichen Veränderungen reagieren muss, kamen im Lauf der Zeit immer neue Themen hinzu, die die jeweiligen gesellschaftspolitischen Probleme und Fragestellungen spiegelten. 1991 wurde das Fach „Sozialpflegerische Übung“ zu „Sozialpraktische Grundbildung“ umbenannt. Die „Hauswirtschaft“ mit Kochunterricht wurde immer mehr durch Ernährungskunde und Ökologie ersetzt.

Federführend bei allen Veränderungen war  und ist der 1994 gegründete „Arbeitskreis der Direktoren der Sozialwissenschaftlichen Gymnasien Bayerns“, der auch bei der Einführung des G8 2004 dafür sorgte, dass die zeitgemäße Profilierung des Zweigs erhalten blieb. Dabei stellte die Vorverlagerung des Einsetzens des Profilfaches in die 8. Jahrgangsstufe und des Praktikums in die 10. Jahrgangsstufe den Zweig durchaus vor Herausforderungen, galt es doch die Themen altersgemäß neu anzupassen.

Bis heute ist im Gymnasium Seligenthal der Sozialwissenschaftliche Zweig mit ca 2/3 der Schülerschaft der beliebteste Zweig bei Mädchen und Buben.  Im Lauf der Jahre hat die Schule ein weites Netzwerk mit außerschulischen Partnern wie z.B. sozialen Einrichtung in und um Landshut und der Politischen Akademie Bayerns in Tutzing geknüpft, die alle dazu beitragen, theoretische Lerninhalte praktisch zu verankern und z.B. in Planspielen zur Funktion des Landtags oder des Europaparlaments selbst erfahrbar zu machen.

Die Fokussierung auf die Lebensrealität der Jugendlichen, der große Freiraum für projekt- und praxisbezogenes Arbeiten auch im außerschulischen Bereich und der Einblick in die Arbeitswelt im Rahmen des 15-tägigen Praktikums ermöglichen den Schülerinnen und Schülern vielfältige Erfahrungen und Einblicke. Die gute Stundenausstattung mit 13 Jahreswochenstunden Sozialkunde in den Jahrgangsstufen 8 – 10 gegenüber 1 Jahreswochenstunde nur in Jahrgangsstufe 10 in allen anderen Zeigen macht deutlich, welch großes Potential für eine zeitgemäße politische Bildung in diesem Zweig steckt. Ein Überblick über den Lehrplan in Sozialkunde und Sozialpraktische Grundbildung mag dies verdeutlichen:

Lehrplaninhalte des Kernfachs Sozialkunde

  • Jgst. 8:  Der Einzelne als Teil der Gemeinschaft; Jugendliche Lebenswelten; Konflikte und Konfliktregelung; Politik als ständiger Versuch der Problemlösung für Gesellschaft und Staat

  • Jgst. 9: Toleranz und soziale Integration als Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben; Jugend und Medien; Leben in Europa; Gesellschaftlicher Wandel am Beispiel des Verhältnisses der Geschlechter 

  • Jgst. 10:  Grundlagen unseres demokratischen Zusammenlebens; Mitwirkungsmöglichkeiten in der demokratischen Gesellschaft; Das politische System der Bundesrepublik Deutschland; Politisches Leben und staatliche Ordnung im Freistaat Bayern; ein Unterrichtsprojekt mit Geschichte; (nur im Profilbereich: Lebensgestaltung im 21. Jahrhundert)

  • Q11/Q12 (zweistündig nur am WSG wählbar): Struktur und Wandel der Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland; Grundzüge politischer Systeme der Gegenwart; Europäische Einigung; Frieden und Sicherheit als Aufgabe der internationalen Politik; Herausforderungen für die Politik in einer globalisierten Welt


Lehrplaninhalte des Fachs Sozialpraktische Grundbildung

  • Jgst. 8: Engagement für die Gemeinschaft; Vorbilder und Idole; Die Verantwortung des Menschen für seine natürlichen Lebensgrundlagen: Ökologie und Gesellschaft bzw. Gesundheit und Ernährung

  • Jgst. 9: Kindheit und Entwicklung; Kommunikation und Manipulation; Aspekte der Informationsgesellschaft; alternativ: Projekt „Soziales Lernen in der Klasse“

  • Jgst. 10: Soziale Gruppe und gruppenorientiertes Verhalten; Sozialstaat und Arbeitswelt: Der moderne Sozialstaat bzw. Der Mensch in der Arbeitswelt (im Profilbereich beide Themen); Herausforderung und Chancen sozialer Arbeit

  • Q11/Q12 Sozialwissenschaftliche Arbeitsfelder (zweistündig, nur am WSG-S wählbar): Die sozialwissenschaftliche Perspektive; Entwicklung und Sozialisation; Soziale Verantwortung und bürgerschaftliches Engagement; Soziale Differenzierungen in der Gesellschaft der Bundesrepublik; Sozialer Wandel in globalen Zusammenhängen


Gerade in Zeiten eines Wertepluralismus, eines zunehmenden politischen Desinteresses und der Gefahr einer zu starken „Egozentrierung“ bietet dieser Zweig wie kein anderer die Möglichkeit, den Jugendlichen ein grundlegendes Verständnis für gesellschaftliche und politische Zusammenhänge zu geben, zu einer werteorientierten Beurteilung und Stellungnahme zu befähigen, damit Orientierung in der Vielzahl von Lebensentwürfen und Ideologien zu geben und die Jugendlichen auf die Übernahme von Verantwortung in Staat und Gesellschaft vorzubereiten.

Dies ist Grund genug, den runden Geburtstag am 18. September 2015 ausgiebig zu feiern.  Das Gymnasium Seligenthal wird die Jubiläumsfeierlichkeiten für die mittlerweile über 50 bayerischen Sozialwissenschaftlichen Gymnasien mit vielen illustren Gästen ausrichten. Als Schirmherr und Festredner hat sich Ministerpräsident Hort Seehofer angesagt – ein beredtes Zeichen für die hohe öffentliche Wertschätzung diese Zweigs.

Autorin: Ursula Weger

Vorberichterstattung zum Jubiläum in der Presse >

Berichterstattung vom Festakt mit Ministerpräsident Horst Seehofer

Bericht von isarTV zum Festakt auf youtube ansehen