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SchülerInnen der Q11 und Q12 besuchen Fahrenheit 451


“Is it true that long ago firemen put fires out instead of going to start them?”

Als Ray Bradbury im Jahr 2012 verstarb betrauerten zahlreiche Fans das Ableben eines „literarischen Giganten“ (Los Angeles Times). Zu den größten Anhängern des genialen Schriftstellers zählen Regisseur Steven Spielberg und der Kult-Autor Stephen King, den die „sonderbare Schönheit“ von Bradburys Werken fasziniert. Bradburys Kurzgeschichten hatten Menschen auf der ganzen Welt berührt und ihre Imagination bis über die Grenzen des Vorstellbaren gedehnt. Er nahm sie mit nach Mexiko, Irland, Green Town (Illinois) und auf den fernen Planeten Mars.  

Aber Bradbury war nicht nur ein äußert produktiver und begnadeter Verfasser von Kurzgeschichten, er schrieb – neben George Orwell und Aldous Huxley – auch den wohl einflussreichsten dystopischen Roman des 20. Jahrhunderts. Fahrenheit 451 – benannt nach der Temperatur, bei der sich Papier selbst entzündet – wurde 1953 veröffentlicht.  

Eine Gruppe aus 50 Seligenthaler SchülerInnen fuhr nun kürzlich nach München um zu bestaunen, wie die American Drama Group (ADG) diesen Klassiker auf die Bühne brachte. Das Bühnenbild im Carl-Orff-Saal des Gasteigs war gewohnt spartanisch gehalten, ein Umstand, den die ADG stets in eine Stärke verwandelt. Das sieht auch die Schülerin Laura Müller so: „Es war bemerkenswert, es wurde so viel ausgedrückt mit so wenigen Requisiten.“ Besonders die Inszenierung des Feuers, das im Stück häufig um sich greift, loben die SchülerInnen. Annalena Fischer findet, dass „auch die Musik sehr durchdacht war und prima die Message des Stückes verstärkte.“

Guy Montag, der Protagonist, lebt in einer Gesellschaft, in der eigenes Denken als gefährlich gilt, den Menschen mithilfe von Drogen und TV-Dauerberieselung die Illusion von Glück vorgegaukelt wird und allein der Besitz von Büchern strafbar ist. Zunächst existiert Guy Montag kritiklos innerhalb dieser eng definierten Parameter, er vollstreckt als Feuerwehrmann sogar den Willen einer gesichtslosen Regierung und seines Vorgesetzten Captain Beatty.

Mit der Zahl 451 auf dem Helm und einem „F“ auf der Uniform fahren er seine Kameraden zu den Häusern ihrer Mitmenschen, nicht aber, um Feuer zu bekämpfen und Leben zu retten. Vielmehr zünden sie die Häuser dieser Bürger an und löschen sogar die Leben der vermeintlich kriminellen Buchbesitzer aus. Montag ist anfangs stolz auf seine Berufung und spricht den Zuhörern im Vertrauen zu: “It was a pleasure to burn.“ Doch dann trifft er die geheimnisvolle Clarisse und sie bringt den 30-jährigen Feuerwehrmann zum Umdenken. Montag erkennt schlagartig, was seinem Leben fehlt. In Bradburys Worten: “He was not happy. He was not happy. He said the words to himself. He recognized this as the true state of affairs. He wore his happiness like a mask and the girl had run off across the lawn with the mask and there was no way of going to knock on her door and ask for it back.” Die Transformation des Guy Montag überzeugte die Seligenthaler nachdrücklich. „Eine sehr beeindruckende schauspielerische Leistung, finde ich. Außerdem realisiert man erst am Ende so wirklich, dass nur vier Schauspieler sämtliche Rollen überzeugend übernahmen,“ so Frederik Bach nach der Vorstellung. Wieder einmal machte die ADG aus einer vermeintlichen Not eine Tugend.

Montag beginnt nach dieser Epiphanie damit, seine seichte Ehe mit Mildred zu hinterfragen und sich heimlich mit Büchern und den darin versteckten Weltanschauungen zu beschäftigen; beinahe zwangsläufig gerät er in Konflikt mit seinem Arbeitgeber, gegen dessen wichtigstes Prinzip er ja verstößt. Keine Bücher! Der argwöhnische Captain Beatty warnt Montag eindringlich: “A book is a loaded gun in the house next door.“

Zum Ende des Stückes überschlagen sich die Ereignisse, Montag begeht ein schweres Verbrechen und muss flüchten, er wird vom Staat und von dem grandios umgesetzten Mechanical Hound gejagt. Mit letzter Kraft findet er eine Enklave von anderen Ausgestoßenen und gemeinsam schauen sie zurück in die entfernte Stadt, die von einer feindlichen Macht in Schutt und Asche gelegt wird. Im Theaterstück äußert sich einer von Montags neuen Verbündeten so: “That is the counterstrike that they said would never come.“

Das war Bradburys Warnung vor dem nuklearen Winter als mögliches Resultat des Kalten Krieges zwischen seinem Heimatland und der Sowjetunion. Die Seligenthaler sehen das Stück aber nicht als Relikt einer vergangenen Zeit, Anais Lambert beschreibt es „als Achterbahnfahrt der Gefühle“ und Lisa Kainz ergänzt, dass „das Stück ein Lehrwerk ist und in der Schule unbedingt gelesen werden sollte. Als Zukunftsvision war es angelegt, aber so viele Jahrzehnte später fällt einem schon auf, dass sich die Geschichte trotzdem immer ständig wiederholt und Bücherverbrennungen nicht nur im NS-Staat inszeniert wurden. Das passiert auch heute noch.“

Auch die Deutschen haben einen literarischen Giganten, der bereits vor 200 Jahren die Verbrennung von Büchern kritisierte. Heinrich Heine schrieb damals an seine Zeitgenossen: Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Die Seligenthaler SchülerInnen blicken gerne auf eine Theatererfahrung zurück, die diese Warnung mit Nachdruck unterstrich.

 

Michael Menauer

 

 


Autor: ZIF | Datum: 19.04.2018