Alle Nachrichten aus dem Gymnasium Seligenthal

Vertonung der Landshuter Stolpersteine

P-Seminar Geschichte


An einem verregneten Dienstagnachmittag im November 2016 machte sich eine kleine Gruppe von Q11 Schülern daran, die Stolpersteine der Stadt Landshut zu erkunden und mehr über die Biographien der hier wohnhaften Juden zu erfahren, die während Hitlers Schreckensherrschaft in Landshut ausgegrenzt, gedemütigt, in den Tod getrieben oder in den Tod deportiert wurden. Gerade hatte man gemeinsam die Arbeit im P-Seminar „Audioguides zu den Landshuter Stolpersteinen“ begonnen und jeder war gespannt, was ein ausgewiesener Experte über das Thema zu sagen haben würde und wo man – ganz getreu der Idee des Künstlers Gunter Demnig – über die Schicksale der Menschen stolpern würde.  

Geführt wurde die Gruppe von Archivar Dr. Mario Tamme, mit dessen Buch „Ich bin so traurig“ sich die Kursteilnehmer intensiv auf den historischen Spaziergang vorbereitet hatten. Anhand von fünf Stationen machte Dr. Tamme deutlich, wie die Leben der Landshuter Bürger jüdischen Glaubens durch die Herrschaft der Nazis erschüttert wurden. Er erzählte von teilweise herzzerreißenden Schicksalen, wie das der Familie Ansbacher, die 1942 kurz vor der Deportation nach Piaski mit den Schwestern Rosa Hahn und Else Kohn Selbstmord begeht. Der Familienvater Fritz Nathan Ansbacher beginnt seinen Brief an den Bürgermeister mit den Worten: „Unser Leben wird uns bisher in Folge der Demütigungen schon fast unerträglich. Nachdem wir nun noch ausgewiesen werden sollen, können wir das Leben einfach nicht mehr ertragen und sehen keinen anderen Ausweg, als uns mit Gas zu vergiften.“ Er beendet das Dokument mit den Sätzen: „Leider konnten sich meine beiden armen Jungen nicht dazu entschließen ihrem Leben, wie wir, ein Ende zu machen. Gott beschütze sie in ihrem schweren Los.“ Vor der Seligenthaler Straße 60 erinnern heute sieben mit Messing überzogene Steine im Boden an den tragischen Fünffach-Selbstmord. „Warum dann sieben Steine?“, fragte jemand aus der Gruppe. Herr Dr. Tamme erklärte, dass die zwei Namen der Söhne auch aufgenommen werden mussten, denn die Befürchtungen des Vaters bewahrheiteten sich auf tragische Weise: Auch die Söhne entkamen dem Mordapparat der Nazis nicht.

 

Gruppenfoto bei den Stolpersteinen Hirsch und Landauer


Nach diesem Spaziergang und dem vertieften Studium der historischen Hintergründe war die Gruppe entschlossen: Man wollte versuchen, diesen Menschen und ihren Schicksalen gerecht zu werden und ihren Steinen ein Gesicht zu geben. Das Seminar wollte geeignete Gesprächspartner finden und professionelle, behutsame Audioguides einsprechen. Das Ziel sollte sein, Beiträge zu schaffen, die dem Zuhörer einen tiefen und differenzierten Einblick in das Leben der jüdischen Landshuter zwischen den Jahren 1933 und 1942 gewähren und trotzdem den „Unterhaltungsansprüchen“ eines breiten Publikums standhalten können. Außerdem sollten die Beiträge nach der Fertigstellung sowohl daheim als auch mobil gehört werden können. Eine große Bandbreite an relativ anspruchsvollen Aufgaben, denen wir im Rückblick hoffentlich annähernd gerecht werden konnten.
                       

 

Sarah, Daniel, Lena und Lara beim Verbessern der Skripten im BR-Studio.


Die Erstellung eines Skriptes, das überraschte uns „Amateure“ zunächst ein wenig, stellt eine nicht zu unterschätzende Aufgabe dar. Sie erfordert Kreativität, Genauigkeit, Geduld und die Bereitschaft, immer und immer wieder Veränderungen vorzunehmen und auch vermeintlich zentrale Aspekte verwerfen zu können. Ein Prozess, der uns manchmal an unsere Grenzen brachte, aber auch dafür sorgte, dass wir den Menschen hinter den Stolpersteinen aus mehreren Perspektiven begegneten.

 

Schematischer Ablaufplan „Entstehung eines Audioguides“


Diese Graphik soll exemplarisch einfangen, wie wir uns der Aufgabe näherten und letztendlich den Weg vom gemeinsamen historischen Spaziergang bis hin zum Einsprechen in den Studios des Bayerischen Rundfunks zurücklegten.  Das war ein toller Tag für uns alle und der Lohn für unsere gemeinsame Arbeit. Wir waren beeindruckt, mit welcher Professionalität und welchem Einfühlungsvermögen die Regisseure und Tontechniker mit uns arbeiteten.
   

 

Gruppenfoto nach dem Studiotag im Bayerischen Rundfunk


Nun hoffen wir, dass unsere Audiobeiträge und damit die Schicksale der jüdischen Landshuter möglichst oft gehört werden. Die Hörer sind eingeladen, sich berühren zu lassen und sich – so gut es geht – in die porträtierten Menschen einzufühlen. Das Format und die Themenstellung bedingten, dass wir einzelne Schicksale vorstellen und auch innerhalb der Stolpersteine Schwerpunkte setzen. Neben den Einzelschicksalen möchten wir dabei auch die universellen Mechanismen in den Fokus rücken, die immer wieder Demokratien aushöhlen und Menschen dazu bringen, andere auszugrenzen. Diese kurzen Stücke Landshuter Geschichte laden dazu ein, die große Geschichte im Kleinen zu entdecken. Ob das am heimischen Computer passiert, im Klassenzimmer oder an Ort und Stelle, das kann sich der Hörer selbst aussuchen.

 

Zu den ”Audioguides der Landshuter Stolpersteine”

 

Nach einem langen Tag – Gruppenfoto im großen BR-Studio


Das Seminar und der Seminarleiter möchten sich bei einigen Personen und Organisationen herzlich bedanken.
Ein Dank geht an …

Unsere Mediencoaches: Elke Dillmann (Korrektur der Skripten in allen Phasen des Projektes und Regie beim Einsprechen), Thomas Muggenthaler (Korrektur der Skripten, Expertise zum Thema „Jüdisches Leben in Bayern“, Bereitstellung von Interviews aus dem Jahre 1989) und Bernhard Jugel (Regie und finale Korrektur der Skripten); diese Profis arbeiten alle für den Bayerischen Rundfunk und ohne ihren Einsatz wäre die Qualität der Stücke nicht vorstellbar.

Unseren Archivar: Herr Dr. Tamme, ohne dessen Buch „Ich bin so traurig“ und ohne dessen Hinweise auf passende Interviewpartner wir das Projekt nie hätten stemmen können; Danke für die Beantwortung von unzähligen E-Mails und Anrufen; ein herzlicher Dank auch an das ganze Team des Landshuter Archivs (Finanzierung und Erstellung der Broschüren mit QR-Codes).

Unseren Musiker: Simon Lindner, Lehrer am Gymnasium Seligenthal, der die musikalische Untermalung mit größter Kompetenz und innerhalb kürzester Zeit in die Hand nahm und die Aufnahmen organisierte. Die Musik wurde von den Seminarteilnehmerinnen Sarah, Sophia und Lara eingespielt.

Unsere Sponsoren und Ideengeber: Katrin Weinzierl (VHS-Landshut, Idee, Finanzierung und Unterstützung bei der Frage der „publikumswirksamen Verbreitung“, Klingende Landkarte), der Förderverein des Gymnasium Seligenthals (Kauf der Mikrofone; Hilfe beim Präsentationsabend), der Bayerische Rundfunk (z.B. für die Studios und die beiden Techniker sowie die Übernahme großer Kosten im Rahmen des Projektes „tat:funk“).

Unsere Schulleiterin: Ursula Weger (Unterstützung in allen Phasen des Projektes, Mitgestaltung der Veranstaltungen, Interviewpartnerin und Finanzierung).
Unsere Interviewpartner (in alphabetischer Reihenfolge): Steven Anson, Eleonora Englisch, Franz Gervasoni, Klaus Schindler, Benedikt Schramm, Marianne Spornraft, Mario Tamme, Ulrich Unseld, Theo Weber und Ursula Weger. Nicht mit uns, aber zu uns gesprochen haben: Helmut Teichner, Neffe von Adolf Hirsch, und Martin Anson (Ansbacher) in einem Interview mit Herrn Muggenthaler (1989) und im Interview mit Halina Moss (1989).

Steven und Hilary Anson (Sohn und Schwiegertochter von Martin Ansbacher), die dem Seminar und der gesamten Q11 viel Hintergrundwissen zum Thema „Jüdisches Leben in Landshut“ vermittelten (Zeitungsartikel LZ 4. Juli 2017) und das Gymnasium Seligenthal auf der Suche nach den Spuren des Vaters und als Repräsentanten des Vereins „Gathering the Voices“ (Schottland) im Jahr 2017 besuchten.


Autor: Michael Menauer | Datum: 22.03.2018