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MIGRATION IM 15. JAHRHUNDERT?

DIE REISE DER HEDWIG VON POLEN ZU IHRER HOCHZEIT NACH LANDSHUT Ein Landshuter Hochzeits-Projekt der Brückenklasse


Wie geht es eigentlich einer Siebzehnjährigen, die von ihren Eltern, Geschwistern und Freunden getrennt nach Wochen einer anstrengenden Reise durch fremdes Land in einer völlig unbekannten Stadt ankommt, in der kaum ein Mensch ihre Sprache spricht? Die Frage ist für jemanden, der diese Situation nicht annähernd erlebt hat, kaum nachzuvollziehen – für viele der Jugendliche in der Brückenklasse des Gymnasiums Seligenthal spiegelt sich darin allerdings zumindest ein Teil der eigenen Erfahrungen im – noch – fremden Land. Zwar blühte niemandem in der Klasse das Schicksal, in Landshut zu allem Überfluss einen wildfremden Menschen heiraten zu müssen, jedoch  die Grenzerfahrung des Umzugs in eine fremde Stadt mit unbekannter Sprache verbindet die 24 Schülerinnen und Schüler aus 12 Nationen mit der historischen Braut der landauf landab berühmten Landshuter Fürstenhochzeit des Jahres 1475.

Dass alle vier Jahre in ihrer neuen Heimatstadt eines der weltweit größten Mittelalterfestspiele aufgeführt wird, bei dem tausende Besucher gut drei Wochen lang die Altstadt sowie die Spielorte auf Burg und Grieserwiese bevölkern, war dabei den wenigsten klar. Grund genug, den Neu-Landshutern einmal das Fest und seine Geschichte innerhalb des Sprachunterrichts näherzubringen! Zwischen die vielen nötigen Grammatik- und Wortschatzübungen traten also eine Reihe von Schulstunden zum Thema „Landshuter Hochzeit“. So wurde die in den historischen Quellen gut dokumentierte Reise der Braut in eine Geschichtserzählung umgewandelt und als Hörverständnisübung der Klasse vorgetragen. Die Schülerinnen und Schüler mussten dabei dem Text möglichst genau folgen und begleitend Fragen zum historischen Geschehen beantworten. Der weite Reiseweg der Hedwig von Polen aus Krakau über Posen, Berlin, Wittenberg und Nürnberg nach Landshut wurde dabei auf einer großen Europakarte nachvollzogen, die handelnden Personen „reisten“ mit Hilfe historischer Abbildungen den weiten Weg mit nach Landshut. Die vielen Schwierigkeiten auf dem weiten Weg – beispielsweise die in ganz Europa grassierende Pest – wurden dabei ebenso thematisiert wie das Gefühlsleben der unfreiwilligen Braut, die auf den einzelnen Stationen immer wieder mit viel Neuem konfrontiert wurde, zum Beispiel dem unübersichtlichen Treiben auf den reichen Märkten der großen Handelsstadt Nürnberg. Hedwigs Erlebnisse bei der Ankunft in Landshut, die Begrüßung durch den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und schließlich auch den jungen Landshuter Bräutigam motivierten die Jugendlichen anschließend zur Reflexion der Gefühlswelt der jungen Königstochter. Wie fühlt man sich in einer fremden Stadt ohne Kenntnis der Landessprache? Einsam? Verlassen? Unsicher? Die meisten waren sich einig: das durch die Federn der Geschichtsschreiber überlieferte heftige Weinen der Braut während der rasch durchgeführten Trauungszeremonie ist mehr als nachvollziehbar!

Als kleiner Bonus wurde in den darauffolgenden Stunden die Dokumentation zur Aufführung der Landshuter Hochzeit 2009 angesehen, schließlich sollte ja neben der Einübung der deutschen Sprache und der Vermittlung des historischen Geschehens auch das Fest der Gegenwart thematisiert werden. Dabei war es höchst spannend zu beobachten, wie unterschiedlich die Reaktionen der einzelnen Jugendlichen ausfielen. Einige von Ihnen hatten mit dem europäischen Mittelalter noch relativ wenige Berührungspunkte gehabt, andere wiederum waren von den Kostümen, aber auch den verschiedenen Aufführungen vor allem der Reiter regelrecht begeistert. In jedem Fall waren sich alle einig: da rührt sich was!

Umso motivierter waren die Teilnehmer des Kurses während der anschließenden Exkursion in den Prunksaal des Landshuter Rathauses. In der guten Stube der Stadt, deren Ausgestaltung im 19. Jahrhundert schließlich das Vorbild zur ersten Aufführung der „Landshuter Hochzeit“ 1903 bildete, durften sie sich frei bewegen und anhand der eindrucksvollen Wandgemälde die wichtigsten Teilnehmer des Festzuges kennenlernen. Hier wurde noch einmal das Wissen über die historische Hochzeit vertieft, außerdem interessante Fragen zum Fest der Gegenwart („Wie viele dieser tollen Pferde machen eigentlich im Sommer wieder mit?“) aufgeworfen und beantwortet.

Als letzten Punkt des unterrichtsbegleitenden Projekts durften die Schülerinnen und Schüler der Brückenklasse sich in die Expertenrolle begeben und eine Informationsbroschüre zur Landshuter Hochzeit 2017 erstellen. Ziel war es, auch ihren Familien sowohl in Deutsch als auch in der jeweiligen Muttersprache die wichtigsten Informationen zusammenzustellen. So entstanden informative Folder in insgesamt 12 Landessprachen – ein schönes Ergebnis im Hinblick auf das zunehmend international wahrgenommene „Event“ Landshuter Hochzeit in einer globalisierten und offenen Gesellschaft.

 

Einen Effekt hat das abwechslungsreiche Programm des Brückenklassen-Projekts schon jetzt gehabt: Prinzessin Hedwig ist im Deutschunterricht immer noch allgegenwärtig! So dient sie als austauschbares Objekt in Beispielsätzen der Grammatikhausaufgaben, ebenso ist die kommende „Landshuter Hochzeit“ und den vielen mitwirkenden Lehrkräften und Mitschülerinnen immer wieder Thema in Gesprächen. Das schönste Ergebnis des Projekts ist aber, dass die jungen Neu-Landshuter richtig Lust bekommen haben, im Sommer kräftig mitzufeiern. Für die unfreiwillige Braut von 1475 bleibt zu hoffen, dass auch in ihrem Fall das gemeinsame Feiern als erster kleinen Schritt zur Integration in der neuen Heimat Niederbayern gut geklappt hat und sie wenigstens das große Fest rund um ihre Vermählung mit dem Landshuter Herzogssohn in vollen Zügen genießen konnte. 


Autor: ws | Datum: 29.03.2017