22.03.2018 19:24 Alter: 236 days

Vertonung der Landshuter Stolpersteine

Kategorie: P- und W-Seminare, Startseite (GYM), Schulisches Leben (GYM), Sponsoren (GYM), Presse (GYM), Projekte und Exkursionen
Michael Menauer P-Seminar Geschichte

Die Tonquellen sind am Ende des Projektberichts angefügt

An einem verregneten Dienstagnachmittag im November 2016 machte sich eine kleine Gruppe von Q11 Schülern daran, die Stolpersteine der Stadt Landshut zu erkunden und mehr über die Biographien der hier wohnhaften Juden zu erfahren, die während Hitlers Schreckensherrschaft in Landshut ausgegrenzt, gedemütigt, in den Tod getrieben oder in den Tod deportiert wurden. Gerade hatte man gemeinsam die Arbeit im P-Seminar „Audioguides zu den Landshuter Stolpersteinen“ begonnen und jeder war gespannt, was ein ausgewiesener Experte über das Thema zu sagen haben würde und wo man – ganz getreu der Idee des Künstlers Gunter Demnig – über die Schicksale der Menschen stolpern würde.  

Geführt wurde die Gruppe von Archivar Dr. Mario Tamme, mit dessen Buch „Ich bin so traurig“ sich die Kursteilnehmer intensiv auf den historischen Spaziergang vorbereitet hatten. Anhand von fünf Stationen machte Dr. Tamme deutlich, wie die Leben der Landshuter Bürger jüdischen Glaubens durch die Herrschaft der Nazis erschüttert wurden. Er erzählte von teilweise herzzerreißenden Schicksalen, wie das der Familie Ansbacher, die 1942 kurz vor der Deportation nach Piaski mit den Schwestern Rosa Hahn und Else Kohn Selbstmord begeht. Der Familienvater Fritz Nathan Ansbacher beginnt seinen Brief an den Bürgermeister mit den Worten: „Unser Leben wird uns bisher in Folge der Demütigungen schon fast unerträglich. Nachdem wir nun noch ausgewiesen werden sollen, können wir das Leben einfach nicht mehr ertragen und sehen keinen anderen Ausweg, als uns mit Gas zu vergiften.“ Er beendet das Dokument mit den Sätzen: „Leider konnten sich meine beiden armen Jungen nicht dazu entschließen ihrem Leben, wie wir, ein Ende zu machen. Gott beschütze sie in ihrem schweren Los.“ Vor der Seligenthaler Straße 60 erinnern heute sieben mit Messing überzogene Steine im Boden an den tragischen Fünffach-Selbstmord. „Warum dann sieben Steine?“, fragte jemand aus der Gruppe. Herr Dr. Tamme erklärte, dass die zwei Namen der Söhne auch aufgenommen werden mussten, denn die Befürchtungen des Vaters bewahrheiteten sich auf tragische Weise: Auch die Söhne entkamen dem Mordapparat der Nazis nicht.

 

Gruppenfoto bei den Stolpersteinen Hirsch und Landauer


Nach diesem Spaziergang und dem vertieften Studium der historischen Hintergründe war die Gruppe entschlossen: Man wollte versuchen, diesen Menschen und ihren Schicksalen gerecht zu werden und ihren Steinen ein Gesicht zu geben. Das Seminar wollte geeignete Gesprächspartner finden und professionelle, behutsame Audioguides einsprechen. Das Ziel sollte sein, Beiträge zu schaffen, die dem Zuhörer einen tiefen und differenzierten Einblick in das Leben der jüdischen Landshuter zwischen den Jahren 1933 und 1942 gewähren und trotzdem den „Unterhaltungsansprüchen“ eines breiten Publikums standhalten können. Außerdem sollten die Beiträge nach der Fertigstellung sowohl daheim als auch mobil gehört werden können. Eine große Bandbreite an relativ anspruchsvollen Aufgaben, denen wir im Rückblick hoffentlich annähernd gerecht werden konnten.
                       

 

Sarah, Daniel, Lena und Lara beim Verbessern der Skripten im BR-Studio.


Die Erstellung eines Skriptes, das überraschte uns „Amateure“ zunächst ein wenig, stellt eine nicht zu unterschätzende Aufgabe dar. Sie erfordert Kreativität, Genauigkeit, Geduld und die Bereitschaft, immer und immer wieder Veränderungen vorzunehmen und auch vermeintlich zentrale Aspekte verwerfen zu können. Ein Prozess, der uns manchmal an unsere Grenzen brachte, aber auch dafür sorgte, dass wir den Menschen hinter den Stolpersteinen aus mehreren Perspektiven begegneten.

 

Schematischer Ablaufplan „Entstehung eines Audioguides“


Diese Graphik soll exemplarisch einfangen, wie wir uns der Aufgabe näherten und letztendlich den Weg vom gemeinsamen historischen Spaziergang bis hin zum Einsprechen in den Studios des Bayerischen Rundfunks zurücklegten.  Das war ein toller Tag für uns alle und der Lohn für unsere gemeinsame Arbeit. Wir waren beeindruckt, mit welcher Professionalität und welchem Einfühlungsvermögen die Regisseure und Tontechniker mit uns arbeiteten.
   

 

Gruppenfoto nach dem Studiotag im Bayerischen Rundfunk


Nun hoffen wir, dass unsere Audiobeiträge und damit die Schicksale der jüdischen Landshuter möglichst oft gehört werden. Die Hörer sind eingeladen, sich berühren zu lassen und sich – so gut es geht – in die porträtierten Menschen einzufühlen. Das Format und die Themenstellung bedingten, dass wir einzelne Schicksale vorstellen und auch innerhalb der Stolpersteine Schwerpunkte setzen. Neben den Einzelschicksalen möchten wir dabei auch die universellen Mechanismen in den Fokus rücken, die immer wieder Demokratien aushöhlen und Menschen dazu bringen, andere auszugrenzen. Diese kurzen Stücke Landshuter Geschichte laden dazu ein, die große Geschichte im Kleinen zu entdecken. Ob das am heimischen Computer passiert, im Klassenzimmer oder an Ort und Stelle, das kann sich der Hörer selbst aussuchen.

Nach einem langen Tag – Gruppenfoto im großen BR-Studio


Das Seminar und der Seminarleiter möchten sich bei einigen Personen und Organisationen herzlich bedanken.
Ein Dank geht an …

Unsere Mediencoaches: Elke Dillmann (Korrektur der Skripten in allen Phasen des Projektes und Regie beim Einsprechen), Thomas Muggenthaler (Korrektur der Skripten, Expertise zum Thema „Jüdisches Leben in Bayern“, Bereitstellung von Interviews aus dem Jahre 1989) und Bernhard Jugel (Regie und finale Korrektur der Skripten); diese Profis arbeiten alle für den Bayerischen Rundfunk und ohne ihren Einsatz wäre die Qualität der Stücke nicht vorstellbar.

Unseren Archivar: Herr Dr. Tamme, ohne dessen Buch „Ich bin so traurig“ und ohne dessen Hinweise auf passende Interviewpartner wir das Projekt nie hätten stemmen können; Danke für die Beantwortung von unzähligen E-Mails und Anrufen; ein herzlicher Dank auch an das ganze Team des Landshuter Archivs (Finanzierung und Erstellung der Broschüren mit QR-Codes).

Unseren Musiker: Simon Lindner, Lehrer am Gymnasium Seligenthal, der die musikalische Untermalung mit größter Kompetenz und innerhalb kürzester Zeit in die Hand nahm und die Aufnahmen organisierte. Die Musik wurde von den Seminarteilnehmerinnen Sarah, Sophia und Lara eingespielt.

Unsere Sponsoren und Ideengeber: Katrin Weinzierl (VHS-Landshut, Idee, Finanzierung und Unterstützung bei der Frage der „publikumswirksamen Verbreitung“, Klingende Landkarte), der Förderverein des Gymnasium Seligenthals (Kauf der Mikrofone; Hilfe beim Präsentationsabend), der Bayerische Rundfunk (z.B. für die Studios und die beiden Techniker sowie die Übernahme großer Kosten im Rahmen des Projektes „tat:funk“).

Unsere Schulleiterin: Ursula Weger (Unterstützung in allen Phasen des Projektes, Mitgestaltung der Veranstaltungen, Interviewpartnerin und Finanzierung).
Unsere Interviewpartner (in alphabetischer Reihenfolge): Steven Anson, Eleonora Englisch, Franz Gervasoni, Klaus Schindler, Benedikt Schramm, Marianne Spornraft, Mario Tamme, Ulrich Unseld, Theo Weber und Ursula Weger. Nicht mit uns, aber zu uns gesprochen haben: Helmut Teichner, Neffe von Adolf Hirsch, und Martin Anson (Ansbacher) in einem Interview mit Herrn Muggenthaler (1989) und im Interview mit Halina Moss (1989).

Steven und Hilary Anson (Sohn und Schwiegertochter von Martin Ansbacher), die dem Seminar und der gesamten Q11 viel Hintergrundwissen zum Thema „Jüdisches Leben in Landshut“ vermittelten (Zeitungsartikel LZ 4. Juli 2017) und das Gymnasium Seligenthal auf der Suche nach den Spuren des Vaters und als Repräsentanten des Vereins „Gathering the Voices“ (Schottland) im Jahr 2017 besuchten.

Stolperstein Intro

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Der Beitrag soll neugierig machen, wichtige Fragen aufwerfen und zum Weiterhören anregen. Passanten werden zu den Stolpersteinen befragt und das Schicksal der Ansbachers exemplarisch für das Leben der Landshuter Juden angeschnitten. Umrahmt wird das Intro von selbst eingespielter Musik, die in verschiedenen Variationen auch die anderen Audiobeiträge durchziehen wird.

Vor der Seligenthaler Straße 60

Stolperstein Familie Marx

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Zu den Stolpersteinen der Familie Marx liegen die wenigstens validen Informationen vor. Neben der Darstellung derjenigen Fakten, die man der Familie klar zuordnen kann, gibt der Audioguide Informationen zum nahen Dreifaltigkeitsplatz und der historischen Dimension dieses Platzes.  Der Fokus des Audiobeitrags liegt neben der Familie Marx auf der Darstellung des jüdischen Lebens im mittelalterlichen Landshut und dem Unterschied zwischen Anti-Judaismus und Anti-Semitismus.

Stolpersteine Ansbacher Eltern und Tochter Elsa, Else Kohn und Rosa Hahn

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Am Schicksal der Ansbachers wird besonders deutlich, wie die jüdischen Landshuter Schritt für Schritt aus dem öffentlichen Leben gedrängt werden. Die Ansbachers verlassen Franken fluchtartig und kommen in Landshut für eine Weile zur Ruhe. 1933 werden sie verhaftet und in Schutzhaft genommen, 1938 wird ihre Wohnung verwüstet und sie selbst werden verprügelt und nach Dachau verschleppt. Drei Familienmitglieder treffen 1942 den Entschluss, Suizid zu begehen. Die Schwestern Rosa Hahn und Else Kohn, Bekannte der Familie, wollen ebenfalls nicht mehr leben. Die Söhne Max und Wilhelm Ansbacher entscheiden sich gegen den Selbstmord.
Der Fokus des Audiobeitrags liegt auf den Erlebnissen der Familie im Jahr 1933 (Schutzhaft) und 1938 (Novemberpogrom).

Stolpersteine Ansbacher Söhne Wilhelm und Max

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Die Leben von Wilhelm und Max zeigen natürlich zahlreiche Parallelen zum Leben ihrer Eltern und ihrer Schwester Elsa. Die Erfahrungen des Novemberpogroms und die anschließende Verschleppung nach Dachau prägen auch ihr Leben und setzen ihrem geschäftlichen Erfolg ein Ende. Obwohl sie, wie auch ihre Eltern, 1942 den Deportationsbescheid erhalten, entscheiden sich Max und Wilhelm gegen den Suizid.
Der Audioguide konzentriert sich vor allem auf die unmenschlichen Verhältnisse im KZ Dachau und auf die Tage zwischen dem Suizid ihrer Familie und ihrer eigenen Deportation.

Bonustrack: Martin Ansbacher Emigration

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Martin Anson (Ansbacher) und seinem Cousin Siegfried Ansbacher wurden keine Stolpersteine gewidmet, trotzdem sind ihre Geschichten erzählenswert. Sie werfen Schlaglichter auf das Leben jener Landshuter Juden, die es noch geschafft hatten, Nazi-Deutschland hinter sich zu lassen. Die beiden Beiträge führen uns nach Schottland, in ein amerikanisches Lager für Kriegsgefangene und später in die USA. Die Interviews, die Martin Anson (Ansbacher) vor seinem Tod gab, waren eine zentrale Quelle bei der Erstellung aller Audioguides. 


Bonustrack: Siegfried Ansbacher Nachkriegszeit

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Stolpersteine Familie Schönmann

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Die Schönmanns sind erfolgreiche Geschäftsleute und großzügige Menschen. Das berichtet Klaus Schindler, dessen Vater Georg mit Isidor Schönmann befreundet war. Der Audioguide erzählt von dieser Freundschaft und auch davon, wie sich Isidor als Träger des Eisernen Kreuzes vermeintlich in Sicherheit hätte wiegen können. Während Isidor 1939 die Flucht gelingt, sterben seine Eltern 1942 in Theresienstadt.
Der Audioguide konzentriert sich auf das Leben des Sohnes Isidor, seine Freundschaft mit Georg Schindler und eine Kanu-Reise nach Prag, die zeigt, dass sich Isidor nicht in Sicherheit wähnt.

Stolpersteine Familie Wittmann

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Gertrud Wittmann schreibt Hilde Hofer im Jahr 1942 eine Postkarte aus Regensburg, sie befindet sich mit ihrer Familie auf einer Fahrt nach Piaski und damit in den Tod. Gertrud und ihr Bruder Hans Johann müssen schon früh viele Rückschläge und Repressalien hinnehmen, trotzdem gibt es auch kleine Hoffnungsschimmer für sie: nicht-jüdische Landshuter Bürger helfen ihnen.
Der Audioguide konzentriert sich auf das Schicksal der Gertrud Wittmann, besonders auf ihre Schulzeit und die Entscheidung von Hilde Hofer, sich für das Mädchen einzusetzen und sich dabei nicht systemkonform zu zeigen.

Stolpersteine Adolf und Cäcilie Hirsch

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„Ich bin doch ein Wohltäter der Stadt“, so äußert sich Adolf Hirsch, ein sehr erfolgreicher Landshuter Geschäftsmann, Arbeitgeber und Unterstützer der TG Landshut, als er gefragt wird, weshalb er Nazi-Deutschland nicht verlässt. Auch Cäcilie Hirsch will Landshut nicht verlassen, bis die Gestapo 1941 in ihre Villa am Annaberg eindringt, angeblich auf der Suche nach „unangemeldeten Geldern“.  Der Beitrag erzählt von Cäcilie Hirschs Sprung aus dem zweiten Stock und davon, weshalb Adolf Hirsch 1938 sein großes Geschäft im Herzen der Landshuter Altstadt und 1943 sein Leben verliert.
Der Audioguide konzentriert sich auf die zunächst erfolgreiche Karriere des Adolf Hirsch und seine Anstrengungen für die Stadt Landshut. Der Beitrag zeigt aber auch, mit welcher gnadenlosen Skrupellosigkeit den jüdischen Bewohnern Landshut nach Besitz und Leben getrachtet wurde.

Stolpersteine Familie Landauer

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Die Tochter von Adolf und Cäcilie Hirsch heiratet einen Verleger aus München und gemeinsam freuen sie sich auf ein schönes Leben in Landshut. Doch die Erfahrungen unter dem Nazi-Regime bringen die junge Familie dazu, der Heimat den Rücken zu kehren und in England unter schwierigen Umständen und geändertem Namen neu zu beginnen.
Der Audioguide beschäftigt sich vornehmlich mit der Frage, unter welchen Bedingungen man Deutschland überhaupt verlassen durfte und welche Hindernisse die Landshuter Juden überwinden mussten, vor und auch nach der Auswanderung.