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„Entblättert sich ein Blätterfisch“

Interkulturelle Tage mit der Chamissopreisträgerin Sudabeh Mohafez am Gymnasium Seligenthal


Ein ganz besonderes Ereignis in diesem Schuljahr war der Besuch der vielfach ausgezeichneten Autorin, die an zwei Schultagen Anfang November in mehreren „Schreibwerkstätten“ Jugendliche der 9. Klassen anleitete, die Vielfalt sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten spielerisch zu entdecken und eigene Geschichten zu verfassen. Dabei überraschte so mancher seine Mitschüler mit seinem Talent spannend zu erzählen und auch schwierige Themen so zu gestalten, dass die Geschichten wahrlich „unter die Haut gehen“. Ein besonderes Anliegen war Sudabeh Muhafez der Besuch in der internationalen Brückenklasse, in der über 20 Jugendliche aus 20 Nationen Deutsch lernen, da sie sich aufgrund ihrer eigenen Biographie gut in die Situation dieser Schülerinnen und Schüler hineinversetzen kann.

Frau Sudabeh ist mit einem iranischen Vater und einer deutschen Mutter in beiden Kulturen zuhause und wurde mehrsprachig erzogen. In ihrem Elternhaus wurde persisch, französisch und deutsch gesprochen, wobei die deutsche Sprache durch den Besuch einer deutschen Schule in Teheran besonders gefördert wurde. Während der iranischen Revolution kam Frau Mohafez mit 16 Jahren von Teheran nach Deutschland, wo sie In Berlin Musik, Anglistik und Erziehungswissenschaften studierte. Seit 1999 veröffentlicht Frau Mohafez in deutscher Sprache Romane, Erzählungen, Kürzestprosa, Essays, Lyrik, Theaterstücke, Reportagen und Portraits und übersetzt aus dem Englischen, Persischen und Portugiesischen.

Sie ist damit ein gutes Beispiel, wie Mehrsprachigkeit und die Vertrautheit mit mehr als einer Kultur eine Bereicherung sein kann, die auch dem künstlerischen Schaffen größere Gestaltungspielräume eröffnet – eine Perspektive, die gerade die Brückenklassenkindern ermutigt und motiviert.

Dass die Zugehörigkeit zu mehr als einer Kultur und insbesondere zu einer islamisch geprägten Kultur auch ihre Tücken hat, zeigte Frau Mohafez sehr eindrucksvoll in einem öffentlichen Vortrag am Abend, in dem sie ihre Zuhörer zu einer spannenden Reflexion über die besondere Situation mehrsprachiger Autoren einlud. Sie schilderte dabei die immer wieder gemachte Erfahrung, dass ihre Herkunft aus dem Iran bei Verlagen wie Lesern meist die Erwartung weckt, sie müsse sich in ihrem Werk vor allem mit Themen des Islam und der Erfahrung von Minderheiten in der Gesellschaft auseinandersetzen. Ihre Biographie wird so fast zu einem „Etikett“, das die künstlerische Entfaltung einengt, oft frustriert und den Blick auf die deutsche Autorin verstellt, die nur an der künstlerischen Qualität ihrer Werke gemessen werden will. Dabei geht es ihr vor allem darum, mit großer sprachlicher Präzision wie ein Geologe Schicht für Schicht in Episoden des Alltags die sie bestimmenden und oft verborgen dahinter liegenden Erfahrungen und Empfindungen freizulegen oder in Phantasiegeschichten wie „Entblättert sich ein Blätterfisch“ mit der deutschen Sprache zu spielen. Gerade für die Vielfalt des sprachlichen Ausdrucks ist die Mehrsprachigkeit eine große Bereicherung, ermöglicht sie es doch dem, der sich in mehreren Sprachen ganz zuhause fühlt, im Sprachvergleich Stereotypen oder Mehrdeutigkeiten genauer wahrzunehmen und die jeder Sprache eigenen Strukturen und Ausdrucksmöglichkeiten gegenseitig fruchtbar zu machen. Einige Kostproben aus ihren Erzählungen und Gedichten gaben den Zuhörern einen eindrucksvollen Einblick in die  Virtuosität ihrer Sprache , ihren Themenreichtum und ihre genaue Beobachtungsgabe für skurrile Begebenheiten, die in ihrer Komik gesellschaftliche Entwicklungen oder Probleme genau auf den Punkt bringen.

Eine sehr angeregte Fragerunde zeigte das Interesse der Zuhörer an diesem für viele neuen und überraschenden Blickwinkel auf die Stellung mehrsprachiger Autoren, die in ihrer Person verschiedene Kulturen vereinen, und schärft vielleicht den Blick dafür, wo durch vorschnelle Etikettierungen und Erwartungen eine Person nicht mehr vorurteilsfrei wahrgenommen wird.


Autor: ws | Datum: 09.11.2018